Warum ODF das einzige Dokumentenformat ist, das mit digitaler Souveränität vereinbar ist

Übersetzung: englisches Original von Italo Vignoli

Bei der Diskussion um digitale Souveränität geht es meist um den Standort der Server und das Unternehmen, mit dem der Vertrag geschlossen wurde. Beides ist jedoch weniger wichtig als das Format, in dem die Dokumente verfasst sind.

Ein Dokument ist kein Stück Papier.

Die Gewohnheit, ein digitales Dokument als Blatt Papier zu betrachten, ist zwar verständlich, aber falsch. Ein Blatt Papier trägt seinen Inhalt in sich. Wer die jeweilige Sprache beherrscht, kann die Seite lesen – ohne technische Hilfsmittel, ohne Berechtigung und ohne Vermittler. Ein digitales Dokument hingegen enthält keinerlei Inhalt, solange es nicht von einer Software interpretiert wird. Die Datei ist eine Abfolge von Anweisungen, und das, was auf dem Bildschirm erscheint, ist das Ergebnis der Programmausführung. Ändert man das Programm, kann sich auch das Ergebnis ändern.

Genau deshalb sehen Dokumente, die in einer Anwendung erstellt wurden, in einer anderen oft fehlerhaft aus: Aufzählungszeichen verschieben sich, Tabellen verlieren ihre Proportionen, Überschriften werden anders dargestellt. Der Inhalt ist zwar vorhanden, das Dokument im eigentlichen Sinne jedoch nicht.

Das Format ist die Spezifikation, die der Software vorgibt, wie diese Interpretation zu erfolgen hat. Wer das Format kontrolliert, bestimmt somit, welche Bedeutung das Dokument hat, wie originalgetreu es wiedergegeben werden kann und wie lange dies möglich ist.

Was macht ein Format offen?

„Offenheit“ ist kein Marketingbegriff. Sie basiert auf festgelegten Kriterien – wie sie etwa in der „Open Definition“ und dem Europäischen Interoperabilitätsrahmen (EIF) verankert sind –, anhand derer öffentliche Verwaltungen Formate für die Beschaffung bewerten. Dabei sind vor allem vier Bedingungen entscheidend.

Die Spezifikation muss vollständig veröffentlicht und frei zugänglich sein. Für ihre Implementierung dürfen weder Lizenzen noch Gebühren oder Patentvereinbarungen erforderlich sein. Das Format muss von jedermann für beliebige Zwecke nutzbar sein, ohne dass Nutzer, Anwendungen oder Geschäftsmodelle diskriminiert werden. Zudem muss die Verwaltung des Formats bei einer von einzelnen Anbietern unabhängigen Stelle liegen, damit über künftige Versionen öffentlich entschieden wird und nicht im Rahmen der Produkt-Roadmap eines Unternehmens.

Diese Bedingungen haben einen praktischen Grund: Sie gewährleisten, dass ein heute erstelltes Dokument auch in dreißig Jahren noch mit einer Software geöffnet werden kann, die heute noch gar nicht existiert.

ODF erfüllt diese Bedingungen

Das Open Document Format wurde im Rahmen des internationalen Standardkonsortiums OASIS offen entwickelt und wurde 2005 zum OASIS-Standard. Im Mai 2006 verabschiedete es seinen Draft International Standard beim ISO/IEC JTC 1/SC 34 mit einstimmiger Zustimmung und wurde im November als ISO/IEC 26300 veröffentlicht. Die Spezifikation ist öffentlich, lizenzgebührenfrei, versioniert und wird von einem technischen Komitee gepflegt, dessen Arbeit aktenkundig ist. Version 1.4 wurde im Dezember 2025 von OASIS genehmigt.

ODF ist nicht das LibreOffice-Format. Es wird von einer Reihe von Anwendungen verschiedener Anbieter implementiert, und jeder Entwickler kann es implementieren, ohne jemanden zu fragen. LibreOffice verwendet es nativ, was eher auf die Offenheit des Formats als auf einen Eigentumsanspruch zurückzuführen ist.

OOXML tut dies nicht

OOXML, das Format, auf dem DOCX-, XLSX- und PPTX-Dateien basieren, trägt eine ISO-Nummer. Diese wurde ihm 2008 im Rahmen eines beschleunigten Verfahrens verliehen – eines Verfahrens, dessen Ablauf mittlerweile zur dokumentierten Geschichte der Standardisierungspolitik gehört.

Die Normierung hat jedoch nicht die Wirkung erzielt, die von einem Standard erwartet wird. Die Spezifikation umfasst mehrere tausend Seiten, was von einer Implementierung abschreckt. Sie existiert in zwei Konformitätsklassen: einer „Strict“-Variante, die andere Entwickler sinnvoll unterstützen könnten, und einer „Transitional“-Variante, die das Verhalten älterer Versionen beibehält und von Microsoft Office standardmäßig verwendet wird. Die im Alltag von Hunderten Millionen Menschen genutzte Variante ist somit jene, die nur von ihrem Urheber vollständig implementiert wird. Die sauberere Variante, die von Wettbewerbern unterstützt werden könnte, findet kaum Verwendung und ist aus einigen Versionen sogar ganz verschwunden.

Eine Spezifikation, die faktisch nur von einer einzigen Implementierung erfüllt wird, ist – funktional betrachtet – ein proprietäres Format, das lediglich mit einem Standardisierungszertifikat versehen wurde. Dies ist kein Vorwurf böser Absichten. Es ist vielmehr eine Beschreibung der tatsächlichen Funktionsweise des Formats, unabhängig von den Intentionen der Beteiligten; genau deshalb ist die Unterscheidung eher struktureller als moralischer Natur.

Warum diese Entscheidung an erster Stelle steht

Eine Organisation, die sich für einen europäischen Cloud-Anbieter entscheidet, starke vertragliche Schutzmaßnahmen aushandelt und sämtliche Daten innerhalb ihrer eigenen Rechtsordnung hostet, gewinnt nichts an Souveränität, wenn ihre Dokumente in einem Format vorliegen, das nur ein einziger ausländischer Anbieter korrekt lesen kann. Serverstandort, Hosting-Jurisdiktion und Beschaffungsklauseln sind der Formatentscheidung nachgeordnet. Eine Organisation, die ihre eigenen Archive nicht ohne die Zustimmung eines Anbieters öffnen kann, verfügt nicht über die Souveränität darüber – ganz gleich, wo diese Archive gespeichert sind.

Das Risiko wächst mit der Zeit. Für eine Einzelperson bedeutet ein fehlerhaftes Layout lediglich eine Unannehmlichkeit. Ein Ministerium hingegen, das Gesetzgebungsentwürfe, Grundbuchdaten und Gerichtsakten aus zwei Jahrzehnten in einem Format verwahrt, das es nicht eigenständig interpretieren kann, hat die Hoheit über öffentliches Schriftgut an ein privates Unternehmen abgegeben – und kann diese Übertragung nicht rückgängig machen, ohne seinen gesamten Datenbestand zu konvertieren.

Wer hat bereits gehandelt

Der „Deutschland-Stack“ – der Rahmen des Bundes für eine souveräne digitale Infrastruktur der öffentlichen Hand – schreibt ODF und PDF/UA als verbindliche Dokumentenformate vor und schließt proprietäre Alternativen aus. Der IT-Planungsrat, das Gremium zur Koordinierung der Informationstechnik in der öffentlichen Verwaltung von Bund und Ländern, hat sich für ODF entschieden. Auch die NATO und die Europäische Kommission haben dieses Format verbindlich eingeführt.

Diese Entscheidung ist kein rein europäisches Phänomen. Taiwan führte ODF bereits 2009 als nationalen Standard ein und schreibt es seit Januar 2015 als Dokumentenformat für Regierungsstellen vor; das dortige Ministerium für digitale Angelegenheiten begründet diesen Schritt mit Software-Gleichstellung, digitaler Souveränität und nachhaltiger Entwicklung. Brasilien verpflichtet die Behörden der Bundesexekutive bereits seit 2005 zur Einhaltung des auf offenen Standards basierenden Interoperabilitätsrahmens e-PING. Auch öffentliche Verwaltungen auf nahezu allen Kontinenten haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten vergleichbare Entscheidungen getroffen.

Was sich in jüngster Zeit gewandelt hat, ist die Argumentation. Während der Wechsel weg von proprietärer Bürosoftware früher vor allem mit Kosteneinsparungen begründet wurde, steht heute die Wahrung der Unabhängigkeit im Vordergrund – also die Fähigkeit einer öffentlichen Stelle, zu handeln, ohne die Erlaubnis eines ausländischen Anbieters einholen zu müssen. Mehrere der im vergangenen Jahr angekündigten Migrationen wurden genau mit dieser Begründung kommuniziert, wobei das Kostenargument in den Hintergrund trat. Mindestens eine europäische Verteidigungsorganisation erklärte sogar, bei ihrer Entscheidung habe das Geld überhaupt keine Rolle gespielt.

Die Alternative zum „Lock-in-Effekt“ existiert bereits: Sie ist ausgereift, als internationaler Standard etabliert und in mehreren europäischen Rechtsgebieten gesetzlich vorgeschrieben.

Weiterführende Literatur

Kategorie: Digitale Souveränität
Kategorie: Open Document Format

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