Politik und digitale Souveränität – TDF-Jahresbericht 2025

Dies ist Teil des Jahresberichts 2025 der The Document Foundation, der gemeinnützigen Organisation, die das LibreOffice-Projekt und die dazugehörige Community koordiniert.

Im Laufe des Berichtszeitraums wandelte sich die öffentliche Debatte über Bürosoftware und Dokumentenformate grundlegend. Die Begründung für die Abkehr von proprietären Softwarepaketen wird nicht mehr primär mit Kosteneinsparungen verknüpft, sondern mit der Wahrung der Unabhängigkeit – also der Fähigkeit einer staatlichen Stelle, zu handeln, ohne die Erlaubnis eines ausländischen Anbieters einholen zu müssen. Bei mehreren Migrationen im Laufe des Jahres wurde dieses Argument ausdrücklich angeführt, während das Kostenargument in den Hintergrund trat; das Österreichische Bundesheer betonte sogar, dass es bei der Umstellung überhaupt nicht um finanzielle Aspekte gehe.

Diese neue Einordnung ist für die The Document Foundation von Bedeutung, da sie die Debatte auf ein Terrain verlagert, auf dem die Stiftung bereits seit zwei Jahrzehnten argumentiert. Digitale Souveränität bezeichnet die Fähigkeit von Staaten, Organisationen und Einzelpersonen, ihre digitale Zukunft selbst zu gestalten: den Zugriff auf eigene Informationen zu kontrollieren, ohne von Dritten abhängig zu sein; technologische Entscheidungen auf der Grundlage eigener Bedürfnisse statt der kommerziellen Strategie eines Anbieters zu treffen; und diese Selbstbestimmung auch bei einer zunehmenden Marktkonsolidierung zu wahren. Wenn öffentliche Stellen ihre Dokumente in proprietären Formaten speichern, die von einem einzigen Unternehmen kontrolliert werden, geben sie einen Teil dieser Souveränität auf.

Das Jahr verdeutlichte zudem eine Unterscheidung, auf der die Stiftung seit Langem beharrt: Souveränität wird nicht durch eine einzelne Ebene des Technologie-Stacks gewährleistet. Sie erfordert ein offenes Standardformat als Basis, eine Open-Source-Anwendung darauf, eine Open-Source-Infrastruktur für die Datenspeicherung sowie einen gesetzlichen Rahmen, der die Anforderungen festlegt. Selbst wenn Gesetzgebung, Cloud-Lösungen und Software-Suiten auf Open-Source-Prinzipien setzen, bleibt die Souveränität unvollständig, solange das Dokumentenformat selbst der Kontrolle eines einzelnen Anbieters unterliegt. Das Format bildet das Fundament des Stacks – und ist zugleich die am häufigsten übersehene Ebene.

Die wichtigste politische Entwicklung des Jahres war das offizielle Bekenntnis Deutschlands zu ODF – eine Entscheidung, deren volle Tragweite erst deutlich wurde, als der Übergang vom Grundsatzbeschluss zur verbindlichen Umsetzung anstand.

Deutschlands IT-Planungsrat bekennt sich zu ODF (April 2025)

Im April 2025 beschloss der deutsche IT-Planungsrat – ein aus 17 Mitgliedern bestehendes Gremium, das Bund und Länder vertritt –, die öffentliche Verwaltung auf das Open Document Format (ODF) umzustellen, mit dem erklärten Ziel, ODF bis 2027 zum Standard für den Dokumentenaustausch zu machen. Der Rat stufte offene Formate und Schnittstellen als wesentlichen Baustein für die Transformation des öffentlichen Sektors hin zu digitaler Souveränität ein und beauftragte seinen Standardisierungsrat mit der Umsetzung dieses Beschlusses. Damit wurde eine klare Richtung vorgegeben: ein auf Bundesebene gefasster, für das ausführende Gremium verbindlicher Beschluss, der ODF bis 2027 als Standard für den Dokumentenaustausch vorsah. Die Überführung dieses Beschlusses in konkrete, verbindliche Infrastrukturstandards stand noch aus – doch die ersten Anzeichen zum Jahresende deuteten genau darauf hin.

ODF v1.4 als OASIS-Standard verabschiedet (Dezember 2025)

Am 3. Dezember 2025 verabschiedete OASIS Open ODF v1.4 als OASIS-Standard – die höchste Ratifizierungsstufe der Organisation –, zeitgleich mit dem zwanzigsten Jahrestag der ursprünglichen Einführung von ODF als OASIS-Standard. Die neue Version wahrt die volle Abwärtskompatibilität und verbessert zugleich die Unterstützung für Barrierefreiheit (unter anderem durch assistive Technologien und die Kennzeichnung dekorativer Objekte), die professionelle Formatierung und visuelle Gestaltung sowie Funktionen für die Datenanalyse und technische Dokumentation. Es handelt sich weiterhin um ein XML-basiertes, herstellerneutrales und lizenzgebührenfreies Format. Frühere ODF-Versionen wurden als ISO/IEC 26300 veröffentlicht; die vierteilige Spezifikation für v1.4 ist in der OASIS-Bibliothek verfügbar.

Quelle: TDF-Community-Blog, 3. Dezember 2025

20. Jahrestag der ODF-Standardisierung

Das Jahr stand ganz im Zeichen des zwanzigjährigen Jubiläums: von der Verabschiedung von ODF als OASIS-Standard im Jahr 2005 bis hin zur ISO/IEC-Standardisierung am 3. Mai 2006. Die Ratifizierung von ODF v1.4 im Dezember 2025 wurde bewusst auf das OASIS-Jubiläum abgestimmt. Dabei geht es nicht nur um das Gedenken an den Jahrestag; das Jubiläum untermauert vielmehr das Argument, dass ODF der einzige offene Standard für Office-Dokumente mit einer zwanzigjährigen Erfolgsbilanz ist, auf den sich Regierungen beim langfristigen Zugriff auf Archivdaten verlassen können.

Kampagne für das Open Document Format und Document Freedom Day

Die The Document Foundation (TDF) führte das ganze Jahr über eine kontinuierliche Kommunikationskampagne zu ODF durch, deren Kern eine regelmäßige Artikelserie im TDF-Blog bildete. Anstatt aus isolierten Ankündigungen zu bestehen, bildete die Reihe eine in sich schlüssige Gesamtdarstellung: Sie spannte den Bogen von den Grundlagen – was ODF ist und warum es wichtig ist – über technische und praktische Aspekte wie Dateiformate, Konformität, Interoperabilität, Unterschiede zu proprietären Formaten, Migrationshilfen und neue Funktionen aktueller ODF-Versionen bis hin zu den übergeordneten Argumenten, die offene Dokumentstandards mit digitaler Souveränität verknüpfen. Insgesamt verschaffte diese Serie der Foundation eine dauerhafte Informationsquelle und eine konsistente öffentliche Stimme zu diesem Format.

Der „Document Freedom Day“ wurde als reine Kampagnenveranstaltung begangen: mit Blogbeiträgen, Aktivitäten in den sozialen Medien über die Kanäle der TDF sowie kleinen, von Community-Mitgliedern weltweit organisierten lokalen Veranstaltungen. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Bewusstseinsbildung und Öffentlichkeitsarbeit, nicht auf einer einzelnen zentralen Großveranstaltung.

Umstellung öffentlicher Verwaltungen auf LibreOffice/ODF im Laufe des Jahres

Die folgenden Migrationen wurden im Jahr 2025 öffentlich gemeldet und nachweislich vorangetrieben. Der Status spiegelt wider, was die zitierte primäre oder zuverlässigste Quelle tatsächlich unterstützt. Langjährige Legacy-Bereitstellungen werden bewusst ausgeschlossen; Diese Liste ist für die Bewegung während des Jahres reserviert und enthält nur Einträge mit solider Quellenangabe. Zahlen und Angaben zur Fertigstellung sollten vor der Veröffentlichung anhand der TDF-Aufzeichnungen bestätigt werden.

Schleswig-Holstein (Deutschland) – bestätigt, weit fortgeschritten

Bis Anfang Dezember 2025 meldete das norddeutsche Bundesland, dass fast 80 % der Verwaltungsarbeitsplätze außerhalb der Steuerverwaltung LibreOffice als verbindlichen Standard nutzten; Microsoft Office und Outlook waren bereits deinstalliert oder befanden sich im Prozess der Entfernung, und die Quote für neue Lizenzen lag bereits deutlich unter 10 %. Das Land verzeichnete Einsparungen bei den Lizenzkosten von bereits über 15 Millionen Euro, denen eine einmalige Investition von 9 Millionen Euro für die Migration im Jahr 2026 gegenüberstand. Die verbleibenden rund 20 % der Arbeitsplätze sind auf Fachanwendungen mit technischer Abhängigkeit von Microsoft-Formaten angewiesen; für diese sowie für die Steuerverwaltung wurden Migrationspfade festgelegt. Parallel dazu schloss das Land die Migration von mehr als 40.000 Postfächern (über 100 Millionen E-Mails und Kalendereinträge) von Exchange/Outlook auf Open-Xchange und Mozilla Thunderbird ab, wobei die Umstellung am 2. Oktober 2025 beendet wurde.

Österreichisches Bundesheer — bestätigt, abgeschlossen im Jahr 2025

Das österreichische Bundesheer stellte rund 16.000 Arbeitsplätze aller Teilstreitkräfte von Microsoft Office auf LibreOffice um; das Projekt wurde 2025 abgeschlossen und Microsoft Office 2016 von allen Rechnern entfernt (Office 2024 LTSC wurde lediglich mit Sondergenehmigung für Altanwendungen mit Makros oder Access-Datenbanken beibehalten). Die Direktion 6 (IKT & Cyber) gab an, dass digitale Souveränität und interne Datenverarbeitung – und ausdrücklich nicht die Einsparung von Lizenzkosten – die treibenden Faktoren für das Vorhaben waren. Das Bundesheer leistete einen Beitrag von mehr als fünf Personenjahren an Vorarbeiten und Entwicklungsleistungen für das LibreOffice-Projekt; die Migration wurde auf der LibreOffice Conference 2025 in Budapest vorgestellt.

Dänemark – Ministerium für digitale Angelegenheiten – bestätigt, phasenweise, in Umsetzung

Das dänische Digitalministerium hat beschlossen, Microsoft 365/Office durch LibreOffice zu ersetzen; die schrittweise Einführung beginnt im Juli 2025 (etwa die Hälfte der Belegschaft im Sommer, der Rest bis zum Herbst). Zur Klarstellung: Frühere Berichte, wonach Dänemark Windows vollständig zugunsten von Linux aufgeben würde, wurden nachträglich korrigiert – Windows bleibt auf vielen Geräten weiterhin im Einsatz; die bestätigte Änderung betrifft lediglich die Migration der Office-Software. Berichten zufolge planen auch mehrere Kommunen, darunter Kopenhagen und Aarhus, ähnliche Schritte.

4.5 Bedrohungen für die Einführung von ODF und die digitale Souveränität

Die diesjährigen Fortschritte waren real, stehen jedoch strukturellen Bedrohungen gegenüber. Das Hauptrisiko besteht darin, dass die Migration zu Open-Source-Anwendungenzwar gelingt, der Kampf um offene Formateaber still und leise verloren geht – dass der „Lock-in-Effekt“ den Wechsel überdauert, indem er sich von der Anwendung auf das Dokument verlagert.

Format-Souveränität als die übersehene Ebene

Eine Office-Suite, die ODF nicht als natives Format verwendet, verarbeitet ODF-Dateien nur unzureichend; dies führt erneut zu Interoperabilitätsproblemen und bewegt Nutzer dazu, „aus Bequemlichkeit“ wieder auf das proprietäre Format zurückzugreifen. Eine Behörde kann sich also für eine offene Suite und eine offene Cloud entscheiden und dennoch keine Souveränität erlangen, wenn ihre Dokumente in einem Format verbleiben, das von einem einzigen Anbieter kontrolliert wird. Das Format bildet die Basis des gesamten Systems; ohne es ist jede darauf aufbauende Ebene beeinträchtigt.

Der Taschenspielertrick mit dem „ISO-Standardformat“

Wenn einer öffentlichen Verwaltung mitgeteilt wird, ihre Dokumente würden in einem „ISO-Standardformat“ gespeichert, ist die Annahme echter Offenheit naheliegend. OOXML Transitional bietet diese jedoch nicht: Die aufeinander aufbauenden Abhängigkeiten – Format, Darstellung und Schriftarten – führen dazu, dass auf jeder Ebene erneut Probleme entstehen. Ein Format, das zwar als Standard bezeichnet wird, laut eigener Spezifikation jedoch als vorläufig gilt, stellt das größte rhetorische Hindernis für die Einführung von ODF dar und ist zugleich der zentrale Ansatzpunkt für die dreiteilige Aufklärungsarbeit der Stiftung.

Initiativen, die unter dem Banner der Souveränität standardmäßig auf OOXML setzen

Ein spezifisches und wachsendes Risiko stellt die europäische Souveränitätsinitiative dar, die zwar auf Open-Source-Anwendungen und offene Infrastrukturen setzt, jedoch standardmäßig OOXML anstelle von ODF als natives Dokumentenformat verwendet. Eine solche Vorgehensweise zementiert die Abhängigkeit auf der Formatebene, während auf allen anderen Ebenen Unabhängigkeit suggeriert wird. Genau dieses Problem wird in Abschnitt 4.5 beschrieben; darin begründet sich auch die praktische Dringlichkeit, mit der die TDF auf einem nativen offenen Format beharrt.

Politische Umkehrbarkeit

Gewinne an Souveränität lassen sich ohne dauerhaftes politisches Bekenntnis wieder rückgängig machen. Münchens Abkehr von LiMux dient hierbei weiterhin als warnendes Beispiel, während das vergangene Jahr zugleich ein gegenteiliges Signal lieferte: Während Schleswig-Holstein voranschritt, wurde aus Bayern bekannt, dass dort ein umfangreicher Vertrag mit Microsoft 365 angestrebt wurde. Genau deshalb ist ein verbindliches Bekenntnis des Bundes zu ODF – wie es Deutschland 2025 auf den Weg brachte – von Bedeutung: Es erhöht die Kosten einer Rückabwicklung. Doch solche Zusagen hängen von dem anhaltenden politischen Willen ab, sie auch tatsächlich in verbindliche Praxis umzusetzen.

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