Übersetzung des englischen Originals von Italo Vignoli
Zu einem früheren Zeitpunkt in dieser Artikelserie habe ich die unsichtbare Architektur des „Lock-in-Effekts“ als drei übereinanderliegende Ebenen beschrieben. Ein Dokument ist von seinem Formatabhängig; dieses wiederum benötigt eine Rendering-Engine, um sichtbar zu werden, und diese ist auf Schriftartenangewiesen, die dem Dokument seine endgültige Gestalt verleihen. Jede dieser Schichten stellt eine Abhängigkeit dar, die dem Nutzer selten bewusst ist und für die er sich fast nie gezielt entscheidet; ihr Zusammenspiel erklärt, warum der Versuch, eine Datei einfach „in einem anderen Programm zu öffnen“, so häufig scheitert. Das Argument war dabei stets eher struktureller als moralischer Natur: Es spielt keine Rolle, ob der Anbieter wohlwollend oder auf Ausbeutung aus ist – die Abhängigkeit besteht in jedem Fall.
Zwei Meldungen vom Ende des Monats Juni geben mir Anlass, diese Architektur zu erweitern. Auf den ersten Blick haben sie gar nichts mit Dateiformaten zu tun. Doch betrachtet man sie unter strukturellen Gesichtspunkten, offenbaren sie zwei weitere Abhängigkeitsebenen, die über den technischen Schichten liegen. Es sind Ebenen, die ich bislang nur implizit behandelt habe, da die technische Perspektive ausreichte, um den Kernpunkt zu verdeutlichen. Es lohnt sich jedoch, sie explizit zu benennen, da sie das Bild davon vervollständigen, was Abhängigkeit eigentlich bedeutet.
Die erste Nachricht: Microsoft hat die kostenlosen Sicherheitsupdates für Windows 10 um ein weiteres Jahr bis Oktober 2027 verlängert. Das ursprünglich für den Support von Privatkunden vorgesehene Enddatum war Oktober 2026. Hunderte Millionen Nutzer sowie die für deren Verwaltung zuständigen Institutionen hatten ihre Beschaffung, Budgets und Migrationspläne auf diesen Termin ausgerichtet. Dann wurde das Datum still und leise verschoben – lediglich durch einen redaktionellen Hinweis, der einem Blogbeitrag angefügt wurde, ohne offizielle Ankündigung.
Die zweite Nachricht: Die italienische Wettbewerbsbehörde AGCM hat eine Untersuchung eingeleitet, um zu prüfen, ob Microsoft die Verbraucher ausreichend informiert hat, als das Unternehmen seine KI-Tools „Copilot“ und „Designer“ in Microsoft 365 integrierte und Abonnenten auf teurere Tarife umstellte. Der noch zu prüfende Vorwurf betrifft Transparenz und Einwilligung: Es geht um die Frage, ob die Nutzer eine echte Wahl hatten oder ob sie automatisch auf ein teureres Abonnementmodell umgestellt wurden, sofern sie dem nicht aktiv widersprachen.
Ich möchte hier vorsichtig sein, denn es liegt nahe, diese beiden Dinge als zwei Ausprägungen desselben Sachverhalts zu betrachten – doch das sind sie nicht. Sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Eine Medaille hat zwei Seiten, aber nur eine Substanz. Die Substanz besteht in beiden Fällen darin, dass der Nutzer keine Kontrolle über seinen Desktop-Paket hat. Die Seiten hingegen unterscheiden sich, und erst ihre präzise Benennung verleiht dem Argument seine Schlagkraft.
Die zeitliche Ebene
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Die Verlängerung für Windows 10 ist auf den ersten Blick keine schlechte Nachricht. Ein weiteres Jahr kostenloser Sicherheitsupdates ist – für sich betrachtet – ein Geschenk an Nutzer, die kein Upgrade durchführen können oder wollen. Wer die Angelegenheit jedoch als Frage des Unternehmenscharakters betrachtet – etwa als Wortbruch oder sprunghaftes Verhalten seitens Microsoft –, der greift zu der schwächsten Argumentationslinie und liefert Kritikern eine einfache Antwort: Schließlich komme die Verlängerung des Supports den Verbrauchern zugute.
Die strukturelle Ebene der Betrachtung ist schwieriger zu beurteilen. Es geht nicht darum, ob das Datum falsch war oder ob dessen Verschiebung ein Fehler war. Entscheidend ist vielmehr, dass dieses Datum nie in Ihrer Hand lag. Der Lebenszyklus Ihres Desktops – wann er unterstützt wird, wann der Support eingestellt wird und wann Sie in neue Hardware investieren müssen – wird durch den strategischen Zeitplan des Anbieters bestimmt, nicht durch Ihre operativen Erfordernisse. Sie haben Ihre Jahresplanung auf den Oktober 2026 ausgerichtet, weil Microsoft es so vorgab, und Sie werden sie aus demselben Grund erneut auf den Oktober 2027 ausrichten. Dass ein wohlwollender Anbieter den Termin ohne Rücksprache mit Ihnen verschiebt, belegt dies ebenso eindrücklich wie das Vorgehen eines zynischen Anbieters. Sie bestimmen nicht den Takt.
Dies ist die vierte Ebene. Über Format, Rendering und Schriftarten steht die Zeit. Ihre Abhängigkeit beschränkt sich nicht auf die Datei; sie erstreckt sich auch auf den Kalender.
Ein Detail in dieser Geschichte unterstreicht diesen Punkt, anstatt ihn abzuschwächen. Die kostenlose Erweiterung ist an Bedingungen geknüpft: Um sie ohne Bezahlung zu nutzen, muss sich der Anwender mit einem Microsoft-Konto anmelden und die Einstellungen mit der Cloud des Unternehmens synchronisieren. Der Preis für die weitere Nutzung des alten Betriebssystems besteht also darin, einen größeren Teil der eigenen digitalen Identität in das Ökosystem des Anbieters zu verlagern. Die Abhilfe verstärkt genau jene Abhängigkeit, die sie eigentlich lindern soll. Hierin liegt der Unterschied – auf den ich bereits früher hingewiesen habe – zwischen einer Lösung und einer bloßen Substitution. Eine Lösung würde Ihre Abhängigkeit verringern. Eine Substitution verlagert sie lediglich vom Betriebssystem auf das Benutzerkonto.
Die kommerzielle Ebene
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Die italienische Untersuchung wirkt auf den ersten Blick wie eine völlig anders geartete Angelegenheit: Es geht um Verbraucherschutzrecht, um Transparenzpflichten und „Dunkle Muster“ – ohne offensichtlichen Bezug zu offenen Standards. Es wäre zudem ein Fehler, den Fall als Beleg für eine Formatbindung (Lock-in-Effekt) heranzuziehen, denn darum geht es hier nicht. Wer sich der Disziplin verschreibt, die Argumentation von der Struktur tragen zu lassen, muss genau solchen weit hergeholten Schlussfolgerungen widerstehen.
Es verdeutlicht jedoch sehr anschaulich einen anderen Aspekt – und dieser ist durchaus real. Wenn es sich bei Ihrer Produktivitätssuite um ein proprietäres Paket handelt, kann der Anbieter den Leistungsumfang und den Preis ändern, ohne dass Sie dem wirksam zustimmen müssen. Neue, von Ihnen gar nicht gewünschte Tools werden in das Paket integriert, der Preis steigt entsprechend an, und die Möglichkeit, aus diesem Modell auszusteigen, wird – so heißt es zumindest – gezielt verschleiert. Ob die AGCM am Ende tatsächlich gegen Microsoft entscheidet, ist hierbei zweitrangig, zumal sich die Untersuchung bis ins Jahr 2027 hinziehen könnte. Entscheidend ist vielmehr, dass die vertragliche Gestaltung ein solches Vorgehen überhaupt erst ermöglicht. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Ihrer täglichen Arbeit werden von einer anderen Partei festgelegt, die diese zudem jederzeit nach eigenem Ermessen ändern kann.
Dies ist die fünfte Ebene. Über Format, Rendering, Schriftarten und Zeit steht der Preis. Ihre Abhängigkeit liegt ebenso in der Rechnung wie in der Datei.
Was die Ebenen gemeinsam haben
Es sind also fünf Ebenen: Format, Rendering, Schriftarten, Zeit, Preis. Die ersten drei sind technischer Natur und weitgehend unsichtbar. Die letzten beiden sind überhaupt nicht technischer Art; gerade sie bekommt der Nutzer am unmittelbarsten zu spüren – etwa durch eine Migrationsfrist, die er nicht selbst festgelegt hat, oder durch Abonnementkosten, denen er nie zugestimmt hat. Ihre gemeinsame Betrachtung verändert den Charakter der Argumentation. Der „Lock-in-Effekt“ ist nun nicht mehr bloß eine Auflistung technischer Probleme, die vor allem für Fachleute von Interesse sind. Er stellt vielmehr eine umfassende Darstellung der Abhängigkeit dar, die jeden Aspekt der Arbeitsweise eines Menschen betrifft: woraus seine Dokumente bestehen, wann der Support für seine Werkzeuge eingestellt wird und welche Kosten ihm dafür in Rechnung gestellt werden.
Was alle fünf gemeinsam haben, ist ein einziger Umstand: Es gibt für den Nutzer keinen Ausweg. Aufgrund der technischen Schichten kann er seine Dokumente nicht ohne Verlust zu einem anderen Anbieter mitnehmen, und wegen der beiden anderen Faktoren ist er an den Kalender sowie die Preisgestaltung des Anbieters gebunden. Jede dieser Abhängigkeiten existiert nur deshalb, weil es keine Tür nach draußen gibt.
Deshalb habe ich mich in dieser Artikelreihe mit Formaten, Rendering, Schriftartenund nun auch mit Kalendernund Rechnungenbefasst. Dabei handelt es sich nicht um voneinander unabhängige Kritikpunkte. Es ist ein und dieselbe Beobachtung aus unterschiedlichen Blickwinkeln, und sie lautet: Bei einem offenen Format und einer freien Anwendung geht es in erster Linie weder um Kosten noch um Ideologie. Sie bieten einen Ausweg; sie sind die Tür, die jede dieser Abhängigkeiten zu einer freiwilligen Entscheidung macht, statt sie als unveränderlich festzuschreiben. Das Open Document Format und LibreOffice versprechen nicht, dass man niemals von anderen abhängig sein wird. Sie versprechen etwas Spezifischeres und Wichtigeres: dass es sich um eine Abhängigkeit handelt, für die man sich selbst entschieden hat – und die man auch wieder beenden kann.
Der Zeitplan eines Anbieters wird sich stets verschieben. Die Preise eines Anbieters werden immer steigen. Das sind keine Skandale; es liegt schlicht in der Natur der Sache, wenn man der Strategie eines anderen unterworfen ist. Die einzige entscheidende Frage ist, ob es Ihnen freisteht, sich abzuwenden, wenn dies geschieht. Die gesamte bisherige Artikelreihe war ein Plädoyer dafür, Ihre Angelegenheiten so zu gestalten, dass Ihnen genau das möglich ist.
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