Übersetzung: englisches Original von Italo Vignoli
Normen sind technische Dokumente, die von Ingenieuren verfasst und in Gremien erörtert werden, bevor sie in technische Spezifikationen einfließen. Sie jedoch ausschließlich unter technischen Gesichtspunkten zu betrachten, hieße, einen wesentlichen Aspekt ihres Wesens und ihrer Funktion zu verkennen.
Tatsächlich sind Normen auch – und vor allem – politische Instrumente: Sie definieren die Akteure auf dem Markt, bestimmen die Entwicklungsrichtung und legen fest, wessen Interessen innerhalb des Ökosystems bedient werden. Mit anderen Worten: Sie bilden das Fundament für die Machtverhältnisse auf dem Markt.
Was ein Standard bewirkt
Ein Standard ist ein Koordinationsmechanismus, der es verschiedenen unabhängigen Akteuren – etwa Softwareentwicklern, Hardwareherstellern, Erstellern von Inhalten, Regierungen und Unternehmen – ermöglicht, zusammenzuarbeiten, ohne die Bedingungen ihrer Interaktion jedes Mal neu aushandeln zu müssen.
Ähnlich wie eine Sprache ermöglicht ein Standard die Kommunikation mit jedem, der sie beherrscht. Er stellt ein überaus wertvolles Versprechen auf universelle Kommunikation dar – weshalb Standards in der Informatik, wo sich Netzwerkeffekte durch Kompatibilität rasch vervielfachen, von so großer Bedeutung sind.
Gleichzeitig legt ein Standard jedoch auch die Bedingungen für eine Teilnahme fest.
Ein einfacher, transparenter Standard, der auf allgemein zugänglichem Wissen beruht, kann von verschiedenen Parteien umgesetzt werden, ohne dass dabei Ungleichheit entsteht.
Ein komplexer, bewusst undurchsichtiger Standard hingegen, der spezifisches Fachwissen erfordert, kann oft nur von denjenigen korrekt implementiert werden, die ihn ursprünglich definiert haben – was zu Ungleichheit führt.
Die Komplexität eines Standards fungiert somit als Barriere; sie bestimmt, wer Zugang zum Markt erhält und wie das Machtgefüge innerhalb dieses Marktes beschaffen ist.
Offene Ökosysteme
Ein offenes Ökosystem hängt nicht von einem Dokument ab, das die Spezifikationen des Standards enthält; vielmehr kommt es darauf an, dass jeder Akteur in der Lage ist, den Standard vollständig und korrekt gemäß diesen Spezifikationen umzusetzen – ohne auf undokumentiertes Verhalten oder Reverse Engineering zurückgreifen zu müssen.
Dies setzt voraus, dass die Spezifikationen klar verfasst sind und nur eine einzige Interpretation zulassen. Zudem darf der Standard nicht von Verhaltensweisen abhängen, die erst durch eine Referenzimplementierung definiert werden – andernfalls würde diese zu einer zwingenden Abhängigkeit. Des Weiteren muss der Standard hinreichend stabil sein, um zu verhindern, dass regelkonforme Implementierungen durch unangekündigte Überarbeitungen obsolet werden.
Sind all diese Bedingungen erfüllt, kann der Standard von jedem implementiert werden – auch von Parteien, die nicht an seiner Entstehung beteiligt waren. Universitäten, kleine Unternehmen, Open-Source-Gemeinschaften, staatliche Stellen und einzelne Entwickler können auf diese Weise regelkonforme Software erstellen.
Wettbewerb kann so auf Basis der Qualität der Implementierung stattfinden, anstatt von der Nähe zu den Autoren des Standards oder von Reverse Engineering abzuhängen. Der Standard bildet ein Fundament, auf dem jeder aufbauen kann.
Geschlossene Ökosysteme
Während die Abschottung eines Ökosystems durch einen Standard versehentlich erfolgen kann, ist sie in der Regel beabsichtigt und beruht auf einer Reihe von Mechanismen, die sich recht einfach auflisten lassen.
Der erste Mechanismus ist unnötige Komplexität. Wenn ein Standard eigene Lösungen für Probleme definiert, für die bereits bewährte und weit verbreitete Lösungen existieren, zwingt er andere Akteure dazu, das Rad neu zu erfinden. Jedes proprietäre Subsystem stellt ein neues Element dar, das die Kosten in die Höhe treibt und häufig die Kompatibilität künstlich einschränkt.
Der zweite Mechanismus ist die Unterbestimmtheit. Wenn Spezifikationen mehrdeutig oder lückenhaft sind, führen unterschiedliche Implementierungen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Wird ein Dokument in einer Anwendung etwas anders dargestellt als in einer anderen, geben die Nutzer stets der zweiten Anwendung die Schuld – und nicht dem Format. Dies ist eine äußerst tückische Form der Anbieterbindung (Lock-in-Effekt).
Der dritte Mechanismus ist die Erweiterbarkeit. Wenn die Spezifikationen das Hinzufügen proprietärer Erweiterungen gestatten, ist das Dokument zwar technisch konform mit dem Standard, kann jedoch nur von einem einzigen Programm korrekt dargestellt werden. In diesem Fall deckt der Standard lediglich ein proprietäres System ab.
Neben diesen drei Mechanismen gibt es die Möglichkeit einer direkten oder indirekten Einflussnahme auf Normungsgremien. Eine direkte Einflussnahme liegt vor, wenn der Anbieter den Normungsprozess selbst beeinflussen und die Konformitätsanforderungen so gestalten kann, dass sie dem Verhalten seiner eigenen Anwendung entsprechen. Eine indirekte Einflussnahme liegt vor, wenn der Anbieter andere Mitglieder durch Faktoren beeinflussen kann, die außerhalb des Normungsprozesses liegen.
Die Tragweite jenseits der Software
Die Auswirkungen offener und geschlossener Standards betreffen weit mehr als nur Softwareentwickler.
Wenn beispielsweise eine staatliche Stelle ihre Dokumente in einem Format archiviert, das nur von einer ganz bestimmten Software korrekt verarbeitet werden kann, begibt sie sich faktisch in die Abhängigkeit des Anbieters, der diese Software entwickelt hat. Dies bedeutet, dass die langfristige Aufbewahrung öffentlicher Dokumente von den geschäftlichen Entscheidungen eines privaten Unternehmens abhängt.
Kultureinrichtungen – etwa Bibliotheken, Archive und Museen – stehen langfristig vor derselben Herausforderung. Ein offenes, standardisiertes Format bleibt mit höherer Wahrscheinlichkeit über lange Zeit lesbar als ein proprietäres Format, dessen fortlaufende Unterstützung von den strategischen Prioritäten eines einzelnen Anbieters abhängt.
Für Volkswirtschaften in der Entwicklung sowie für gemeinwohlorientierte Organisationen mit begrenzten Ressourcen bilden offene Standards eine unverzichtbare Infrastruktur, die einen gleichberechtigten Zugang gewährleistet.
Das Technische als Politisches lesen
Bei der Bewertung eines Standards werden technische Details zu politischen Fragen.
Die Verwendung von #RRGGBB für Farbangaben – anstelle eines proprietären Systems – ist keine ästhetische Entscheidung; sie beeinflusst, wer das Format implementieren kann und wer von dem dadurch entstehenden Ökosystem profitiert.
Die Entscheidung für den ISO-8601-Standard bei Datumsangaben – anstatt für ein sequenzielles System, das aus einer proprietären Software stammt und auf einem fünfzig Jahre alten Fehler basiert – bedeutet, Interoperabilität der Kontinuität mit einer proprietären Vergangenheit vorzuziehen.
Solche Entscheidungen summieren sich.
Ein Standard, der sich konsequent an offenen und etablierten Verfahren orientiert – anstatt auf proprietäre Neuentwicklungen zu setzen –, unterscheidet sich grundlegend von einem proprietären Format, das genau das Gegenteil tut. Dies gilt selbst dann, wenn beide Formate Dokumente erzeugen, die auf dem Bildschirm identisch aussehen, und beide als „offener Standard“ bezeichnet werden. Diese Bezeichnung hat kaum Aussagekraft.
Entscheidend ist, ob unabhängige Entwickler eine vollständig konforme Software erstellen können und ob das Ökosystem tatsächlich für alle zugänglich ist, die daran teilhaben möchten. Letztlich muss ein Standard den Interessen der Nutzer dienen – und nicht denen des Unternehmens, das ihn definiert hat.
Es handelt sich hierbei um politische Fragen, die auch als solche diskutiert werden sollten.
