Übersetzung (Nachtrag vom 02.06.2026): englisches Original von Italo Vignoli

Wenn einer öffentlichen Verwaltung mitgeteilt wird, dass ihre Dokumente in einem „ISO-Standardformat“ gespeichert sind, ist die Annahme naheliegend: Ein ISO-Standard sollte eine saubere, implementierbare Spezifikation darstellen, die von jedem qualifizierten Softwareanbieter unterstützt werden kann. Standards existieren genau zu dem Zweck, dass man nicht an einen einzigen Anbieter gebunden ist.
Bei OOXML – ISO/IEC 29500, dem Format hinter den Microsoft-Dateien docx, xlsx und pptx – ist das jedoch nicht der Fall.
Der Standard ist in zwei Konformitätsklassen unterteilt. „Strict“ ist die saubere Variante: ein modernes Dokumentenformat ohne Altlasten, das von einem unabhängigen Entwickler mit vertretbarem Aufwand unterstützt werden kann. Transitional umfasst hingegen alles andere: einen umfangreichen Katalog an Kompatibilitätsfunktionen, als veraltet eingestuften Elementen, plattformspezifischen Verhaltensweisen sowie Verweisen auf undokumentierte Eigenheiten von Microsoft-Office-Versionen aus den 1990er Jahren. Die Klasse „Transitional“ dient dazu, sicherzustellen, dass Dokumente, die aus den alten binären Formaten (.doc, .xls, .ppt) konvertiert wurden, verlustfrei in XML dargestellt werden können.
Ein Detail ist dabei entscheidend: Microsoft Office hat Strict OOXML nie standardmäßig verwendet. Die Option, Dateien im Strict-Format zu speichern, ist zwar in den installierten Desktop-Anwendungen verfügbar, fehlt jedoch in den browserbasierten Versionen von Microsoft 365. Zudem unterscheiden sich die verschiedenen Microsoft-Editionen seit jeher in ihrem Funktionsumfang; so bot die macOS-Version historisch gesehen andere Optionen als die Windows-Version. Das „ISO-Standard“-Format, in dem öffentliche Verwaltungen ihre Dokumente bei der Nutzung von Office tatsächlich speichern, ist „Transitional“ – also die problematische Variante. Strict ist eine Funktion, die man nur findet, wenn man weiß, wo man suchen muss – und zwar auf den Plattformen, für die Microsoft die Unterstützung dieser Variante vorgesehen hat. So geht man nicht mit einem ernstzunehmenden offenen Standard um.
Dies hat Konsequenzen, die weit über eine bloße technische Einzelheit hinausgehen.
Der Standard kodifiziert undokumentiertes Verhalten von Altsystemen. Transitional OOXML enthält Kompatibilitäts-Flags, deren Spezifikation im Grunde lautet: „Verhalte dich wie Word 95“ oder „Platziere Fußnoten wie Word 97“. Dabei handelt es sich nicht um formale Definitionen. Vielmehr sind es Verweise auf das Verhalten spezifischer kommerzieller Softwareprodukte, die vor mehr als dreißig Jahren auf den Markt kamen – Produkte, deren Layout-Algorithmen nie veröffentlicht wurden. Ein unabhängiger Entwickler, der ein solches Dokument korrekt darstellen möchte, muss Software aus der Ära von Windows 95 mittels Reverse Engineering analysieren. Dies ist keine Standardisierung im eigentlichen Sinne; es ist die Erhebung der Implementierungsgeschichte eines einzelnen Anbieters zum weltweiten Standard.
Der Standard schreibt bekannte Fehler fort. Bekanntlich behandelt Excel das Jahr 1900 als Schaltjahr – was es nicht war –, weil Lotus 1-2-3 dies in den 1980er Jahren so handhabte und Microsoft der Binärkompatibilität zu Lotus den Vorzug vor arithmetischer Korrektheit gab [1]. OOXML Transitional behält diesen Fehler bei. Die Standardeinstellung für Arbeitsmappen in jeder xlsx-Datei, die Sie jemals geöffnet haben, kodiert einen Fehler in der Datumsarithmetik aus der MS-DOS-Ära. Eine Tabellenkalkulation, die Zeitspannen über den Februar 1900 hinweg berechnet, liefert falsche Ergebnisse – und der Standard schreibt dies vor.
Der Standard umfasst veraltete Grafikformate. Vector Markup Language (VML) wurde 1998 von Microsoft beim W3C als Kandidat für einen Vektorgrafikstandard eingereicht. Das W3C lehnte es zugunsten von SVG ab. Eigentlich hätte VML damit verschwinden sollen. Stattdessen lebt es in „OOXML Transitional“ fort, da aus .doc-Dateien konvertierte Dokumente es enthalten und Microsoft Office es weiterhin ausgibt. Implementierer müssen sowohl VML als auch dessen modernen Nachfolger DrawingML unterstützen, um mit Dateien aus der Praxis umgehen zu können.
Das Problem der Konformitätsklassen ist struktureller Natur. Strict war als die Zukunft gedacht, Transitional hingegen als vorübergehende Brücke. Zwei Jahrzehnte nach der Standardisierung ist Transitional nach wie vor das Format, das Office erzeugt, das Nutzer erhalten und das jede konkurrierende Implementierung unterstützen muss, um praxistauglich zu sein. Der saubere Standard existiert nur auf dem Papier. Der Standard, der in der Praxis existiert – und den Microsoft Office standardmäßig erzeugt –, ist hingegen der unsaubere.
Für die öffentliche Verwaltung ist dies in dreierlei Hinsicht von Bedeutung.
Für Archive. Ein Dokumentenformat, das von undokumentiertem Verhalten von Anwendungen aus den 1990er Jahren abhängt, ist kein sicheres Format für die Langzeitarchivierung. Das ISO-Label vermittelt eine trügerische Sicherheit: Gerade jene Teile des Standards, die Ihre Dokumente tatsächlich nutzen, sind am wenigsten spezifiziert und am stärksten von den Werkzeugen eines einzelnen Anbieters abhängig.
Für die Beschaffung. Die Angabe von „ISO/IEC 29500“ in einer Ausschreibung garantiert weder Interoperabilität noch Herstellerunabhängigkeit. Sie stellt lediglich sicher, dass Dokumente einer Spezifikation entsprechen, deren in der Praxis eingesetzte Variante faktisch genau dem Verhalten von Microsoft Office entspricht. Dies steht im direkten Widerspruch zu dem, was ein offener Standard eigentlich leisten soll.
Für die Souveränität. Europäische Institutionen, nationale Regierungen und regionale Verwaltungen erkennen zunehmend, dass die Wahl des Dokumentenformats eine Frage der Souveränität ist. Ein Format, dessen maßgebliche Referenzimplementierung das kommerzielle Produkt eines einzelnen amerikanischen Unternehmens ist, kann nicht als technische Grundlage für die europäische digitale Autonomie dienen – ungeachtet seiner ISO-Nummer.
Die Alternative ist nicht hypothetisch. Das OpenDocument-Format (ODF), das vor genau zwanzig Jahren als ISO/IEC 26300 verabschiedet wurde, war von Anfang an als ein von Implementierungen unabhängiger Standard konzipiert. Seine Spezifikation ist vollständig und in sich geschlossen; sie setzt keinerlei Kenntnisse über die Historie eines bestimmten kommerziellen Produkts voraus. Es existieren mehrere unabhängige Implementierungen. Es handelt sich – im eigentlichen Sinne des Wortes – um einen offenen Standard.
Für Verwaltungen, die über ihre Formatstrategie entscheiden, stellt sich nicht die Frage, ob OOXML „ein Standard“ ist. Das ist es zweifellos. Die entscheidende Frage ist vielmehr, was die Einhaltung dieses Standards konkret bedeutet, welche Anforderungen sie an Implementierer stellt und ob dies den langfristigen Interessen jener Institutionen dient, die ihre Arbeitsergebnisse in diesem Format speichern.
Für alle, die sich für die technischen Details hinter diesen Aussagen interessieren, haben wir eine ergänzende, detaillierte Analyse [2] beigefügt. Diese listet die sogenannten „Transitional“-Funktionen sowie deren Kategorien auf und erläutert die spezifischen strukturellen Probleme, die mit ihnen einhergehen.
[1] Die Geschichte des Fehlers im Zusammenhang mit dem Schaltjahr 1900 ist gut dokumentiert. Joel Spolsky, der Anfang der 1990er Jahre im Excel-Team von Microsoft arbeitete, schilderte in seinem Beitrag „My First BillG Review“, wie Excel diesen Fehler von Lotus 1-2-3 übernahm, um die Binärkompatibilität zu wahren. Die offizielle Support-Dokumentation von Microsoft räumt den Fehler offen ein und erklärt, warum er nicht behoben wird: Eine Korrektur würde dazu führen, dass sämtliche Datumsangaben in allen bestehenden Excel-Arbeitsblättern ungültig würden.
[2] Das begleitende, detaillierte Dokument im PDF-Format, das die „Transitional Features“ (Übergangsmerkmale), deren Kategorien sowie die spezifischen strukturellen Probleme, die sie mit sich bringen, auflistet: „A Standard in Name Only – A Deep Dive“
