Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Office-Suiten

Übersetzung: englisches Original von Italo Vignoli

Zusammenfassung

Der Markt für Office-Suiten ist groß, profitabel und wächst – was neue Akteure anzieht: kostengünstige Klone, „Open-Core“-Produkte und neuerdings auch Suiten, die maßgeblich auf künstlicher Intelligenz basieren. Die meisten von ihnen konkurrieren über den Preis sowie über die native Unterstützung von OOXML – einem Format, dessen Weiterentwicklung in der Praxis weiterhin unter der Kontrolle von Microsoft steht.

Wenn Funktionen kostengünstig nachgebildet werden können, entscheidet sich der Wert einer Suite vor allem daran, wer die Kontrolle über das Dokumentenformat und die Software ausübt – und damit auch über die darin enthaltenen Inhalte. Hier geht es um die Frage der digitalen Souveränität; ihr Ausgang hängt sowohl von politischen Entscheidungen als auch von den konkreten Software-Funktionen ab.

Die 1980er und 1990er Jahre

Der Markt für Office-Suiten entstand in den 1980er Jahren und entwickelte sich in den 1990er Jahren weiter. In dieser Zeit etablierte sich Microsoft Office als führendes Produkt – laut inoffiziellen Angaben von Microsoft auf eigenen Veranstaltungen mit einem Marktanteil von über 90 %.

Einige erinnern sich vielleicht noch an die wichtigsten Konkurrenten: Lotus SmartSuite, WordPerfect Office und StarOffice – den Vorläufer von OpenOffice und LibreOffice. Weniger bekannt dürften Namen wie Anywhere Office, Ability Office, Pro PC Suite 2001 oder ThinkFree Office sein. Ability Office existiert bis heute, während ThinkFree Office inzwischen unter dem Namen Hancom Office vertrieben wird.

Gegen Ende des Jahrhunderts dominierte Microsoft Office den Markt, während alle anderen Produkte nur noch einen kaum wahrnehmbaren Marktanteil aufwiesen oder gänzlich vom Markt verschwunden waren.

Dieser Sektor war schon immer lukrativ: Die Produkte decken einen universellen Bedarf, und da die Entwicklungs- und Vertriebskosten im Verhältnis zum Absatzvolumen gering sind, lassen sich potenziell sehr hohe Margen erzielen. Aus diesem Grund versuchten alle großen Softwareanbieter, in diesen Markt einzusteigen; es entstanden erste Klone, die ausschließlich über den Preis konkurrierten.

Die Marktpräsenz war jedoch nur einer der Faktoren, die zum Erfolg beitrugen. Weitere entscheidende Aspekte waren die Bündelung mit dem Betriebssystem Windows, die Kundenbindung durch spezifische Dokumentenformate sowie die Preisgestaltung.

Die zwei Jahrzehnte zwischen 2000 und 2020

Sun Microsystems, das zuvor StarOffice übernommen hatte, veröffentlichte im Jahr 2000 dessen Quellcode; 2002 folgte OpenOffice.org 1.0 – die erste FOSS-Suite (freie und quelloffene Software), die ein Massenpublikum erreichte. Version 1.0 ließ das Potenzial der Suite nur erahnen, und Version 1.1 war zwar nutzbar, aber noch in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. Erst mit der 2005 veröffentlichten Version 2.0 wurde OpenOffice zu einem ernsthaften Konkurrenten für den Marktführer.

Über mehrere Jahre hinweg spielte sich die Rivalität zwischen der proprietären Suite und der FOSS-Suite an zwei Fronten ab: bei großen Migrationsprojekten und bei den Dokumentenformaten.

Damals schienen die Migrationen einen unumkehrbaren Trend einzuleiten, doch dies erwies sich als Trugschluss. Microsoft setzte sein gesamtes wirtschaftliches Gewicht ein und nahm Kontakt zu Politikern auf. Seit 2012 zählt das Unternehmen zu den größten Geldgebern für Lobbyarbeit in Brüssel (basierend auf Daten von Corporate Europe Observatory und Lobby Facts).

Der Kampf um die Dateiformate erreichte seinen Höhepunkt zwischen 2006 – als ODF durch die ISO/IEC standardisiert wurde – und 2008, als das proprietäre OOXML-Format genormt wurde. Dies geschah in einem Prozess, den wir bereits in einem früheren Blogbeitrag beschrieben haben und auf den wir hier nicht weiter eingehen werden.

Im Jahr 2010, nach der Übernahme von Sun durch Oracle, gründete die Community die „The Document Foundation“ und rief LibreOffice ins Leben. 2011 sah sich Oracle faktisch gezwungen, den Quellcode von OpenOffice.org an die Apache Software Foundation zu übertragen. Dies geschah, um einen Vertrag zu erfüllen – der 2014 auslaufen sollte –, den IBM zuvor mit Sun Microsystems geschlossen hatte. Dieser Vertrag gestattete es IBM, den Quellcode von OpenOffice.org unter Umgehung der Open-Source-Lizenz zu nutzen.

Der Formatstreit trat daraufhin in den Hintergrund, als IBM beschloss, sein Engagement für ODF bei OASIS einzustellen, um die freiwerdenden Mittel stattdessen in die Entwicklung von Apache OpenOffice zu investieren und so das Wachstum von LibreOffice zu bremsen. Im Jahr 2024 flammte die Debatte im Kontext der „digitalen Souveränität“ wieder auf – befeuert durch die Ankündigung großangelegter Migrationen zu Open-Source-Software, etwa im deutschen Bundesland Schleswig-Holstein oder beim österreichischen Bundesheer.

Zwischen 2010 und 2020 entwickelte sich der Sektor zudem durch das Aufkommen cloudbasierter Office-Pakete weiter, was einen neuen Kampf um Marktanteile zwischen Microsoft und Google auslöste. Angesichts des erneuten Wachstums in diesem Bereich entstand eine neue Generation von Klonen: Programme, die meist einen eingeschränkten Funktionsumfang bieten, den Marktführer nachahmen und primär über den Preis konkurrieren.

Um ihren kommerziellen Charakter zu verschleiern, veröffentlichen einige dieser Anbieter eine Basisversion unter einer Open-Source-Lizenz – wobei diese oft so modifiziert ist, dass ein „Forking“ (die Abspaltung und eigenständige Weiterentwicklung des Codes) unterbunden wird. Eine solche Lizenz erfüllt nicht mehr die Kriterien der „Open Source Definition“; das Produkt ist in der Praxis lediglich Freeware, während die voll funktionsfähige Version separat verkauft wird – ein Modell, das als „Open Core“ bezeichnet wird.

Natürlich unterstützen diese Programme das OOXML-Format nativ. Ihr Ziel ist schließlich ein kostengünstiger Ersatz, nicht eine echte Migration – also kein Paradigmenwechsel, der den Nutzern die volle Kontrolle über die Software und ihre Inhalte ermöglichen würde.

Unter digitaler Souveränität verstehen wir die Fähigkeit eines Nutzers oder einer Institution, die Kontrolle über eigene Dokumente und Software zu behalten: Dokumente mit beliebigen Implementierungen öffnen zu können, den Quellcode bei Bedarf abzuspalten (Forking) sowie selbst zu entscheiden, wo Daten gespeichert werden und wer den jeweiligen Dienst betreibt.

OOXML ist zwar offiziell ein ISO-Standard, doch die Referenzimplementierung verbleibt bei Microsoft. Solange dies der Fall ist, behält Microsoft die Kontrolle über die Inhalte: Die Nutzer sparen zwar Kosten, büßen dafür aber ihre digitale Souveränität ein.

Die aktuelle Situation

Der Grund für das erneute Interesse am Markt für Office-Suiten liegt in dessen Größe: Er umfasst ein Volumen von zweistelligen Milliardenbeträgen und weckt daher das Interesse von Softwareunternehmen. Selbst ein Marktanteil von 1 % entspricht einem beachtlichen Wert, der eine Investition durchaus rechtfertigt.

Als Referenz dienen öffentliche Daten aus dem „Office Productivity Software Market Report 2026“ der „Business Research Company“, einem in den USA ansässigen Marktanalyseunternehmen. Der Markt für Office-Produktivitätssoftware erreichte 2025 ein Volumen von 50,73 Milliarden US-Dollar und wird bis 2030 voraussichtlich auf 81,83 Milliarden US-Dollar anwachsen – bei einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 10,1 %.

Ergänzend dazu betrachten wir einige Zahlen zu Microsoft und Google.

„Microsoft 365 Commercial“ erzielte im Geschäftsjahr 2026 einen Umsatz von 102 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von 16 % entspricht. Die Zahl der kostenpflichtigen Lizenzen für „Microsoft 365 Copilot“ überstieg bis Ende Juni 2026 die Marke von 30 Millionen; Analystenschätzungen zufolge entspricht dies etwa 6 bis 7 % der zahlenden gewerblichen Nutzerbasis.

Für „Google Workspace“ werden über 3 Milliarden Nutzer und mehr als 11 Millionen zahlende Kunden veranschlagt. Da in der Nutzerzahl auch kostenlose Gmail-Konten enthalten sind, ist sie nicht direkt mit den kostenpflichtigen Abonnements von Microsoft vergleichbar.
Technografische Daten von „6sense“ – einem weiteren US-Marktforschungsunternehmen – schreiben Google Workspace einen Anteil von 50,34 % und Microsoft 365 einen Anteil von 45,46 % an der Kategorie „Office-Produktivitätssoftware“ zu (die Zahlen basieren auf Unternehmensdomains). Betrachtet man jedoch die Anzahl der Unternehmenslizenzen sowie den Umsatz, liegt Microsoft deutlich vorn.

Laut 6sense nutzen 64 % der Unternehmen beide Suiten. Dieser Wert ist zwar nur als Anhaltspunkt zu verstehen, deutet aber auf eine zunehmende Überschneidung bei der Nutzung von Office-Suiten hin – ein Phänomen, das sich keineswegs auf Microsoft 365 und Google Workspace beschränkt. Was „LibreOffice“ betrifft, so schätzen wir – basierend auf praktischen Erfahrungen in großen Organisationen –, dass 50 % der Nutzer je nach Bedarf zusätzlich eine weitere Office-Suite verwenden.

Es handelt sich also um einen Markt von enormem wirtschaftlichem Wert – wobei sich diese Zahlen fast ausschließlich auf Lizenzen beziehen, nicht auf das gesamte Ökosystem. Zieht man wertschöpfende Beratungsleistungen hinzu – die bei jeder Implementierung in öffentlichen Einrichtungen oder Unternehmen ein notwendiger Bestandteil sind –, dürfte der Gesamtwert deutlich höher liegen.

Da Analysten hierzu keine präzisen Daten liefern, stützen wir uns auf eine grobe, erfahrungsbasierte Schätzung: Wertschöpfende Dienstleistungen machen etwa 25 % des Lizenzwerts aus. Auf Basis der Analystenprognosen entspräche dies für das Jahr 2030 einem Marktwert von rund 102 Milliarden US-Dollar (81,83 Milliarden US-Dollar zuzüglich 25 %). Ein Prozentpunkt Marktanteil ist für einen kommerziellen Anbieter also 1 Milliarde US-Dollar pro Jahr wert.

Dieser Betrag entfällt zwar nicht auf freie Software, verdeutlicht aber den Anreiz für neue Marktteilnehmer. Er erklärt zudem das Aufkommen einer neuen Art von Office-Suite: sogenannte „Klone“, die zu einem großen Teil mithilfe künstlicher Intelligenz entwickelt wurden.
Wir stehen dem Einsatz künstlicher Intelligenz in der Softwareentwicklung derzeit äußerst zurückhaltend gegenüber, sind uns jedoch bewusst, dass die Meinungen hierzu auseinandergehen, und verfolgen die Entwicklung dieser Anwendungen genau.

Die strategische Konsequenz hängt nicht von dieser Debatte ab: Wenn die Kosten für die Nachbildung eines Funktionsumfangs drastisch sinken, verlieren Funktionen ihre Rolle als Haupteintrittsbarriere. Was bleibt, sind die Governance des Formats und des Codes, die Stärke der Community sowie die langfristige Wartung der Software.

Ein Blick in die Zukunft von Office-Suiten

In den letzten zwanzig Jahren haben wir widersprüchliche Prognosen gelesen: vom vollständigen Verschwinden des Sektors – oder zumindest der Desktop-Office-Suite – bis hin zum Gegenteil, einem starken Wachstum, angetrieben durch die Ankündigung neuer Betriebssysteme, Softwareparadigmen oder Hardwareplattformen.

Eines ist sicher: Der Markt für Office-Suiten hat zwar Phasen eines leichten Rückgangs durchlaufen – was vermutlich normalen Schwankungen entspricht –, ist aber insgesamt gewachsen. Unserer Einschätzung nach wird er auch in absehbarer Zukunft weiter wachsen.

Heute umfasst die installierte Basis etwa 2 Milliarden Desktop- und Laptop-Computer – basierend auf den von den Herstellern gemeldeten aktiven Geräten, zuzüglich einer Vielzahl von Geräten, die in keiner Statistik auftauchen, da sie aus zweiter oder dritter Hand stammen. Dies betrifft vor allem ärmere Länder, die in Statistiken zur Technologienutzung oft nicht berücksichtigt werden.

Die Integration von KI-Assistenten in Office-Suiten eröffnet eine weitere Dimension. Mit mehr als 30 Millionen kostenpflichtigen „Copilot“-Lizenzen hat Microsoft bewiesen, dass ein Markt dafür existiert.

Insgesamt handelt es sich um einen äußerst interessanten potenziellen Markt, der Raum für verschiedenste Arten von Office-Suiten bietet – ob für den Desktop oder cloudbasiert – und Platz für unterschiedlichste Entwicklungsstrategien lässt. Der Erfolg hängt jedoch nicht allein von der Nutzerzahl ab; es gibt Marktdynamiken, die von politischen Entscheidungen beeinflusst werden und weit über den reinen Wert der Software hinausgehen.

Dennoch bleiben Fragen wie der Ort der Dokumentenverarbeitung – lokal oder in der Cloud eines Anbieters – sowie die Fähigkeit von KI-Tools, offene Dateiformate zu lesen und zu schreiben, eng mit der Frage der Souveränität verknüpft. Wir haben unsere Position dazu bereits in mehreren Blogbeiträgen dargelegt: Nichts darf das Recht der Nutzer einschränken, selbst über ihre eigenen Inhalte zu bestimmen.

LibreOffice wird auch weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Die Zahl der Downloads und Spenden ist 2026 deutlich gestiegen (Stand 31. Oktober: +26 % bei den Downloads, +44 % bei den Spenden). Dies spiegelt die stetige Verbesserung der Softwarequalität sowie den wachsenden Ruf des Projekts wider.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass LibreOffice und ODF auf einer anderen Ebene konkurrieren als bloße Klone: Es geht nicht um Funktionsgleichheit zu einem niedrigeren Preis, sondern um eine offene Governance – sowohl in Bezug auf das Dateiformat als auch auf den Quellcode.

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