LibreOffice 26.8 und die Sprachen, für die niemand bezahlt wird

Übersetzung: englisches Original von Italo Vignoli

Die wichtigsten Neuerungen in LibreOffice 26.8 betreffen Schriftsysteme; es lohnt sich, zu erläutern, was genau umgesetzt wurde – und vor allem, warum –, da der Arbeit der Entwickler eine wichtige Entscheidung zugrunde liegt.

Was wurde getan

Writer erkennt beim Öffnen oder Einfügen von Dokumenten oder reinem Text nun automatisch die Absatzrichtung, ohne dass der Benutzer diese manuell festlegen muss.

Leerzeichen am Zeilenende werden entsprechend der Absatzrichtung und nicht nach der Richtung benachbarter Zeichen positioniert; dies behebt ein langjähriges Problem bei der Behandlung von Zeilenumbrüchen in gemischten arabischen und lateinischen Texten.

Die Anfasser zur Größenänderung von Objekten funktionieren nun auch in CJK-Dokumenten mit Schreibrichtung von rechts nach links sowie in vertikalen Dokumenten korrekt.

Steuerzeichen für die bidirektionale Textausrichtung werden zusammen mit anderen Formatierungszeichen angezeigt, sodass unsichtbare Richtungswechsel sichtbar gemacht und bearbeitet werden können.

Die Semantik der Absatzausrichtung wurde überarbeitet. Neue Dokumente verwenden standardmäßig Blocksatz statt Linksbündigkeit, und eine Änderung der Absatzrichtung überschreibt nicht mehr die explizit festgelegte Ausrichtung. Dies ist eine kleine Änderung mit großer Wirkung, da nun ein arabischsprachiges und ein englischsprachiges Dokument dieselbe Vorlage nutzen können, ohne dass es zu Konflikten kommt.

In Calc wird die Schreibrichtung einer leeren Zelle nun automatisch festgelegt, sobald Text von rechts nach links eingegeben wird.

LibreOffice Math wurde um Funktionen und Operatoren für die N’Ko- und Adlam-Alphabete sowie um nach links weisende Vektorpfeile und Harpunen für Formeln mit Schreibrichtung von rechts nach links erweitert; ohne diese Elemente ließe sich die mathematische Notation in diesen beiden Alphabeten nicht korrekt darstellen.

Schließlich werden nun auch Schriftartnamen erkannt, die in einer anderen Sprache als der Benutzeroberflächensprache registriert sind. Dadurch werden Dokumente, die mit einer japanischen oder russischen Installation erstellt wurden, mit den vom Autor gewählten Schriftarten angezeigt und nicht mit Ersatzschriften.

Warum das ungewöhnlich ist

N’Ko ist ein Schriftsystem, das 1949 von Solomana Kanté für die Manding-Sprachen Westafrikas entwickelt wurde. Adlam wurde in den späten 1980er Jahren von den beiden jugendlichen Brüdern Ibrahima und Abdoulaye Barry für die Sprache Fulfulde (Fulani) entworfen; diese war bis dahin in angepassten arabischen oder lateinischen Schriften geschrieben worden – eine unzureichende Lösung. Beide Schriften verlaufen von rechts nach links, werden von Bevölkerungsgruppen in zweistelliger Millionenhöhe verwendet und wurden in den letzten zwanzig Jahren in den Unicode-Standard aufgenommen.

Keine der beiden Sprachen stellt für sich genommen einen Markt dar. Die jeweiligen Muttersprachler bilden insgesamt keinen Kundenstamm, der den für die Entwicklung aufgewendeten Zeitaufwand auf der Grundlage einer kommerziellen Analyse rechtfertigen würde. Weder führte ein Ausschreibungsverfahren irgendwo auf der Welt zum Abschluss dieser Arbeiten, noch wurden sie von einem Unternehmenskunden in Auftrag gegeben oder durch Wettbewerbsdruck erforderlich gemacht.

Der Mitwirkende, der die Unterstützung für N’Ko und Adlam in LibreOffice Math implementierte, ist ein Freiwilliger.

Ein Großteil der Arbeiten am bidirektionalen Text wurde von einem Entwickler geleistet, der bei der durch Spenden finanzierten The Document Foundation (TDF) angestellt ist.

Die Umbenennung der Option für das CJK-Textraster – sodass sie korrekt auf das im japanischen Satz verwendete handschriftliche Raster „Genkō Yōshi“ Bezug nahm – wurde von einem Mitarbeiter der TDF durchgeführt.

Die native Unterstützung für OpenType-Schriftvariationen – von enormer Bedeutung für Alphabete, deren Typografie sich nicht durch bloße Anpassung der Abmessungen eines lateinischen Zeichens annähern lässt – wurde von einem unabhängig arbeitenden Schriftgestalter bereitgestellt.

Ein grundlegender Unterschied

Jeder Softwareanbieter muss entscheiden, welche Nutzergruppen er bedienen will: Handelt es sich bei der Software um ein kommerzielles Produkt, basiert diese Entscheidung auf einer Wirtschaftlichkeitsbetrachtung – Sprachen, die sich nicht rentieren, bleiben dabei auf der Strecke.

Eine Stiftung unterliegt diesen Zwängen nicht; sie muss sich nicht fragen, ob ein bestimmtes Schriftsystem die Entwicklungskosten rechtfertigt, da es keinen Umsatzstrom gibt, an dem eine solche Entscheidung gemessen werden könnte. Die Arbeit wird geleistet, weil jemand mit der entsprechenden Expertise sie für sinnvoll erachtet hat und keine Gründe dagegen sprechen.

Genau hier liegt der praktische Unterschied zwischen Software, die von einer Stiftung verwaltet wird, und solcher, die von einem kommerziellen Anbieter stammt – ein Unterschied, der sich auch in den Versionshinweisen (Release Notes) widerspiegelt. LibreOffice ist aus genau diesem Grund in 120 Sprachen verfügbar: Diese Zahl ist das Ergebnis des Governance-Modells und nicht eines Marketingziels.

Dies erklärt, warum das Argument für Open-Source-Software in der öffentlichen Verwaltung keine reine Kostenfrage ist: Öffentliche Stellen haben Verpflichtungen gegenüber Bürgergruppen, die für kommerzielle Anbieter wirtschaftlich uninteressant sind – etwa Nutzer von Minderheitensprachen, Anwender assistiver Technologien oder Menschen in Regionen, die bei Anbietern keine Priorität genießen.

Software, deren Entwicklung auf einer Wirtschaftlichkeitsbetrachtung basiert, berücksichtigt diese Bürger nur dann, wenn dies profitabel ist. Software hingegen, die ohne einen solchen kommerziellen Zwang entwickelt wird, kann diese Gruppen ganz selbstverständlich und im Sinne der Open-Source-Prinzipien unterstützen.

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